Jazzfestival: Heiße Klänge auf hohen Sohlen

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Jazzfestival: Heiße Klänge auf hohen Sohlen | http://diepresse.com | 16.10.2016

Jazzfestival: Heiße Klänge auf hohen Sohlen

Es war zu allen Zeiten so, dass sich Jazzmusiker Motive aus der Popularmusik gesucht haben, um sie zur jeweiligen Kenntlichkeit zu entstellen. Waren es früher Melodien aus Musicals, Volksmusik und Shows, sind es heutzutage Popsongs, die klug zerlegt und auf unkonventionelle Art neu zusammengesetzt werden. The Bad Plus, ein Trio aus Minneapolis, praktizierte dies schon früh in der Karriere. Das barg das Risiko, rasch selbst zur ausgeleierten Jahrmarktattraktion zu werden. Allein, die Herren Ethan Iverson (Klavier), Reid Anderson (Bass) und David King (Schlagzeug) gingen nicht in die Falle billiger Effekte. Mit viel Liebe und Ernst schufen sie sich dank eigener Kompositionen eine unverwechselbare Identität, ringen um jede musikalische Pointe. Vom Free Jazz kommend, zelebrierten sie beim ausverkauften Jazzfestival Leibnitz so heterogene Elemente wie süße Melodie, böses Geräusch und pointierte Leerstelle.

Ihr neues, höchst unterhaltsames Coverversionenalbum „It’s Hard“ (Okeh) präsentierten sie nur am Rand. Fragile Eigenkompositionen wie „Prehensile Dreams“ und „Self Surf“ lockten das Publikum in jene herrlich versponnene Ästhetik, die The Bad Plus in jahrzehntelanger Zusammenarbeit entwickelt haben. Auffällig dabei: die hohe Luftigkeit ihrer Musik, aus ihr ist alles Redundante eliminiert. Als intime Kenner der Popmusik haben sie sich über die Jahre einen exzentrischen Katalog an Fremdkompositionen von Black Sabbath bis Aphex Twin geschaffen.

Den Vogel abgeschossen haben sie allerdings erst jetzt mit ihrer so schrägen wie innigen Version von „Mandy“, einer Brachialschnulze, die einst der surreale Barry Manilow berühmt gemacht hat. Mit Hingabe und unter Zufuhr köstlicher Bitterstoffe kreisten sie um diese klebrige Melodie, von der man glaubte, sie nie mehr wieder hören zu können. In weiterer Folge kitzelten The Bad Plus Jazziges aus dem simplizistischen „Roboter“ von Kraftwerk und sogar aus Johnny Cashs „I Walked the Line“, begeisterten mit klugen Rückgriffen auf älteres eigenes Material wie „1972 Bronze Medalist“ und „Lack the Face But Not the Wine“.

Viel zu selten: Jazz auf High Heels

Anderntags bezauberte US-Saxofonistin Tia Fuller im Trio mit überraschend reschen Riffs und eleganten Melodien. Die aus Aurora, Colorado, gebürtige Instrumentalistin wurde als Begleiterin von Granden wie Ray Charles, Nancy Wilson und R’n’B-Königin Beyoncé bekannt, mittlerweile ist sie erfolgreiche Solistin. In Leibnitz begann sie höflich mit der Ballade „Clear Mind“. Bereits mit der zweiten Nummer „Break through“ zeigte sie sich hochenergetisch. Mit furiosen Bebop-Linien scheuchte sie ihre etwas zu solide Rhythmusgruppe auf. Ihr bittersüßer Saxofonton strahlte „the black experience“ in sämtlichen Facetten ab. Blues-Fatalismus, Gospel-Ekstatik und die Sinnlichkeit des R’n’B – das hatte alles Platz in ihrem makellosen Jazz. Fuller löste mit ihrer komplexen Spielweise Begeisterung aus. Sie schaukelte ihre Musik – ausschließlich Eigenkompositionen – auf atemberaubenden High Heels: einer Sorte Schuh, die viel zu selten im Jazz zu sehen ist.

Das von Impresario Otmar Klammer im vierten Jahr geleitete Festival gewinnt von Jahr zu Jahr mehr Zuhörer. Die kluge Mischung aus klanglicher Kulinarik und kompromisslosen Sounds kam gut an. Und die enge Anbindung an die lokale Weinkultur war auch heuer nicht hinderlich.

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(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.10.2016)

Vom gegrillten Kitsch

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Vom gegrillten Kitsch | derstandard.at | 16.10.2016 |

Vom gegrillten Kitsch

LJUBISA TOSIC 16. Oktober 2016

Leibnitz – Am Welt-Ei-Tag, dem 14. Oktober also, betreten drei Herren die Bühne des Hugo-Wolf-Saals im nüchternen Charme ausstrahlenden Kulturzentrum Leibnitz und sorgen für Staunen. Pianist Ethan Iverson perlt pomadig mit lieblichen Arpeggi entlang der Kitschgrenze, provoziert die Vermutung, es würde einem Festival, das sich eher komplexen Musikstrukturen widmet, ein stilistisches Ei abseits von abstraktem Raffinement gelegt. Als aus den Klavierschmusesounds auch noch eine wattebauschige Melodie herausdampft, ist unschwer Mandy zu erkennen. Jene Schnulze, die es sich in der Version von Barry Manilow 1974 in den Charts bequem gemacht hat. – derstandard.at/2000045972643/Vom-gegrillten-Kitsch

Schließlich durfte allerdings Entwarnung gegeben werden: The Bad Plus aus Minnesota (mit diesem Konzert stellte das Trio seine neue CD It’s Hard vor) nimmt nur sattsam bekannte Hadern zum Ausgangspunkt musikalischer Verdichtungskünste. Mit Mitteln der Dekonstruktion und ironischen, melodisch-harmonischen Umdeutungen wird das Ursprungsmaterial reanimiert. – derstandard.at/2000045972643/Vom-gegrillten-Kitsch

Reid Anderson (Bass), Dave King (Schlagzeug) und Iverson zeigen, dass sie in einer jazzigen Tradition stehen, die Populäres aufnimmt, um es neu zu definieren und dieses als Rahmen für höchst individuelle und intensive Interaktion einzusetzen, die bis ins Freitonale ragt. Das übliche Standards-Repertoire, das Great American Songbook, ist ja voll von solchen Pop- und Musical-Hits. Hier wird einfach zusätzliches Repertoire erprobt und „gegrillt“. – derstandard.at/2000045972643/Vom-gegrillten-Kitsch

Beeindruckend dabei die Selbstverständlichkeit, mit der drei Individualisten die Freiheit des Spontanen mit der Sensibilität für die Kompaktheit des Ganzen vereinen. Eine 17-jährige Bandgeschichte schwingt da zweifellos als Rettungsboot mit. – derstandard.at/2000045972643/Vom-gegrillten-Kitsch

Abstrakte Virtuosen

Ebenso das Fabulous Austrian Trio (Fat) mit Gitarrist Alex Machacek, Bassist Raphael Preuschl und Schlagzeuger Herbert Pirker: Es bezieht seine Leichtigkeit und Eleganz auch aus dem Verständnis zwischen den Musikern. Hier ist Fusion-Stilistik, also Virtuosität der jazzrockigen Art am Werk. Selbst Themen, die ein Höchstmaß an Noten zu verschlingen scheinen, punkten mit Pointiertheit, sind frei von jener Hohlheit, mit der das Fusion-Genre mitunter Scheinleben ausstrahlt.

Machacek ist ein vielseitiger Saitengrübler: Seine entspannten Momente erinnern ein wenig an Bill Frisell. Bei Passagen, in denen er quasi „harfenartig“ Akkordzerlegungen einsetzt, erinnert er etwas an Frank Gambale. Sein rasantes Legatolinienspiel versprüht dann aber sehr eigenständiges, abstraktes, improvisatorisches Gespür. In Summe: packende, bisweilen funkige Fusion von hoher Unmittelbarkeit, Präzision und jenem internationalen Format, das auch das kleine Festival in Leibnitz auszeichnet.

(Ljubisa Tosic, 16.10.2016) – derstandard.at/2000045972643/Vom-gegrillten-Kitsch

Südsteiermark TV | Video Eröffnungsabend Jazz Festival Leibnitz 2016

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Leibnitz Aktuell Online | Rekordbesuch beim Jazzfestival Leibnitz

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Rekordbesuch beim Jazzfestival Leibnitz

Nach vier Festival-Tagen hatten die OrganisatorInnen von LeibnitzKULT rund um Obfrau Helga Cernko gut lachen, konnte das Jazzfestival Leibnitz heuer doch mit zwei ausverkauften Abenden, zwei vollen Häusern im Hugo Wolf-Saal und einem Besucherplus von 30% selbst die kühnsten Erwartungen übertreffen.

Zudem hat man mit dem riesigen, stimmungsvollen Weinkeller auf Schloss Seggau, wo das Festival mit dem Duo Chico Freeman/Heiri Känzig und dem Hadar Noiberg Trio aus Israel eröffnet wurde, ohnehin eine Attraktion, die auch international ihresgleichen sucht. Nach dem Festival ist vor dem Festival. Noch während des fulminanten Schlusskonzertes der US-Sängerin Vanessa Rubin bei strahlendem Sonnenschein im Weingut Harkamp ließ sich Intendant Otmar Klammer ein bisschen in die Karten blicken und versprach für seine fünfte Ausgabe im nächsten Jahr eine handfeste Überraschung. Und das Programm sei jetzt schon zur Hälfte im Kasten.

reise-stories.de |NICHT NUR JAZZ, SONDERN AUCH WEIN | JAZZFESTIVAL LEIBNITZ

http://reise-stories.de/  | 29.10.2016 | pdf Download
NICHT NUR JAZZ, SONDERN AUCH WEIN | JAZZFESTIVAL LEIBNITZ

NICHT NUR JAZZ, SONDERN AUCH WEIN | JAZZFESTIVAL LEIBNITZ

Sein feiner Untertitel springt einem nicht unbedingt gleich ins Auge. Aber er ist dieser Veranstaltung schon wichtig. Schließlich ist die Südsteiermark nicht nur Heimat von köstlichen Kürbiskernen in allen Variationen und Verarbeitungen, sondern es wird auch hervorragender Wein angebaut in der Region. Europas höchstgelegener Weinbauort liegt nur wenige Kilometer entfernt von Leibnitz. Kein Wunder also, dass „Jazz & Wine“ so wunderbar zum „Jazzfestival Leibnitz“ passt. Und das nicht nur im Titel des viertägigen Events, sondern auch mit Weinverkostungen der regionalen Weinproduzenten vor den Konzerten. Von denen gibt es an den ersten drei Festivalabenden angenehme zwei pro Abend. Der künstlerische Leiter Otmar Klammer, der nun im vierten Jahr das in Leibnitz runderneuert gestaltete Festival programmatisch gestalten darf, tut das mit viel Fingerspitzengefühl, auch für die unterschiedlichen Spielstätten.

Denn wie genial passt das seit gut zweieinhalb Jahren zusammenspielende Duo Chico Freeman und Heiri Känzig in den über 300 Jahre alten Bischöflichen Weinkeller des oberhalb von Leibnitz gelegenen, imposanten Schlosses Seggau! Der Saxofonist aus Chicago und der Schweizer Bassist, sie funken am Eröffnungsabend wunderbar auf einer Wellenlänge. In langen Stücken nehmen sie sich viel Zeit und Raum, unglaublich gefühlvoll Klänge, Linien und Rhythmen miteinander zu verzahnen. Wie sanft und berührend Avantgarde-Veteran Freeman ins Tenorsax zu blasen versteht und dabei immer geschickt aufgefangen wird von Känzigs leichtfüßigem Kontrabass-Spiel. Intim und vertraut, lieber eine Spur zurückhaltend als sich in den Vordergrund zu schieben – dieses Duo setzte Maßstäbe, was Musikmachen in Zweisamkeit angeht!
Dagegen ist die laute Fusion des „Fabulous Austrian Trio“, kurz „FAT“, am nächsten Abend im Kulturzentrum Leibnitz naturgemäß nicht so fein gestrickt. Setzt der  Dreier um Gitarrist Alex Machacek doch auf ein unermüdlich antreibendes Schlagzeug, auf Groove und Biss und vertrackte Momente. Spielwitz haben die drei Österreicher, noch mehr jedoch packen direkt im Anschluss „The Bad Plus“, die mit einer Mischung aus eigenen Songs und Coverversionen aufwarten. Pianist Ethan Iverson, Bassist Reid Anderson und Drummer Dave King sind Könige der Verwandlung. Wie sie Kraftwerks Roboter stolpern lassen, ohne dass diese jedoch jemals umfallen. Oder wie sie andererseits Barry Manilows „Mandy“ ihre Schnulzigkeit in gewissen Augenblicken lassen, den Song dennoch nach typischer Bad Plus-Manier herrlich schräg umkonstruieren, das verzückt.

Tia Fullee noch ein Trio mit großem Musikspaß – Tia Fuller kam gleich mal auf High Heels nach Leibnitz. Ihr schneidender Ton auf dem Altsaxofon kann zugleich weich klingen und äußerst flexibel. Jede Tour de Force geht sie geschmeidig mit. Bebop, Blues, Gospelanklang, aber auch süffiger Souljazz, immer strahlte das Spiel der Amerikanerin in Leibnitz hell.

Dass der Jazzbrunch mit der amerikanischen Mainstream-Chanteuse Vanessa Rubin und Köstlichkeiten für Magen und Ohren am Abschlusstag draußen vor dem wundervollen Weingartenhotel Harkamp bei strahlendem Sonnenschein und warmen Temperaturen stattfinden konnte, war das berühmte i-Tüpfelchen auf ein großartiges Festival, das zu Recht immer mehr Zuhörer anlockt. Die Reise nach Leibnitz lohnt sich, auch weil neben dem Jazz, dem Wein oder den Kürbiskernen der Besuch der nahegelegenen, wunderschönen Städte Maribor in Slowenien und natürlich Graz lockt.

Text: Christoph Giese 

 

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